Die sozialen Wirkungen gemeinschaftlicher Wohnprojekte in der Stadt

FedrowitzVerfasser: Micha Fedrowitz
TU Dortmund, Institut für Raumplanung
Betreuerin: Prof. Dr. phil. Susanne Frank, Fachgebiet Stadt- und Regionalsoziologie, Fakultät Raumplanung, TU Dortmund
micha.fedrowitz@tu-dortmund.de
Webseite

Seit etwa den 1970er Jahren ist in Deutschland das Entstehen neuer Wohnformen zu beobachten, deren wesentliches Charakteristikum das gemeinschaftliche Zusammenleben ist. Die Bandbreite der Ansätze insgesamt macht es schwierig, dieses Phänomen eindimensional und monokausal zu beschreiben. Gemein ist diesen Projekten, dass es sich um Zusammenschlüsse mehrerer Haushalte handelt (es geht hier also nicht um Wohngemeinschaften) und die Entwicklung der Projekte partizipativ durch oder zumindest mit den zukünftigen Bewohnern erfolgt. Die Bewohner/-innen wollen im Rahmen einer  Hausgemeinschaft oder auch in einer Siedlung von gemeinschaftlichen Aktivitäten, gegenseitiger Hilfe und einer verlässlichen Nachbarschaft profitieren.
Die Suche nach Gemeinschaftlichkeit im Wohnbereich insgesamt kann als Reaktion auf den Wandel der Gesellschaft gedeutet werden. Der Wegfall lebenslanger Einbindungen in gewachsene familiale Beziehungen und Arbeitszusammenhänge sowie die geänderten Vorstellungen hinsichtlich des Zusammenlebens insgesamt stellen für den Einzelnen eine neue Herausforderung für die Gestaltung des eigenen Lebens dar. Angesichts dieser „Unübersichtlichkeit“ bekommen Gemeinschaftswohnprojekte eine strukturierende und abfedernde Funktion.
Wie können gemeinschaftliche Wohnprojekte in Hinblick auf ihre Nachhaltigkeit beurteilt werden, dies ist die Ausgangsfrage des Promotionsprojektes. Dabei ist zu unterscheiden in sog. „intentionale Gemeinschaften“, die sich um einen „ideologischen Kern“ herum bilden, und Projekte „in der Mitte der Gesellschaft“, die einen solchen Kern nicht haben. Während die intentionalen Gemeinschaften stärker als proaktive Gestalter und Experimentierer für neue Lebensmodelle gesehen werden können, ist die Gründung von Wahl-Gemeinschaften in der „Mitte der Gesellschaft“ eher als eine kompensatorische Reaktion auf den gesellschaftlichen Wandel zu deuten. Das besondere Interesse der Arbeit gilt den Projekten „in der Mitte der Gesellschaft“, da sie für breitere Schichten der Bevölkerung zugänglich sind.
In der Literatur sind Potenziale von Wohnprojekten für eine ökologische und soziale Stadtentwicklung beschrieben worden. Insbesondere im Feld der ökologischen Nachhaltigkeit kommt es danach zu Synergien, deren Effekte sich auch abbilden lassen: die gemeinsame Realisierung aufwändiger technischer Lösungen, Verhaltensbeeinflussung in der Gruppe und gemeinschaftliche Ressourcennutzung lassen sich mit Verfahren der Ökobilanzierung oder durch Indikatoren wie den ökologischen Fußabdruck messen.
Im Promotionsprojekt soll der Fokus jedoch auf dem Aspekt der sozialen Nachhaltigkeit liegen:
Wie nachhaltig sind Wohnprojekte in sozialer Hinsicht?
Die Operationalisierung der sozialen Nachhaltigkeit stellt bei diesem Unterfangen eine besondere Herausforderung dar. Zum einen ist anders als bei der Ökobilanzierung die Systemgrenze bei der Bewertung der sozialen Nachhaltigkeit eines Projektes, eines Prozesses oder einer Wohnform wesentlich schwieriger zu ziehen: auf welcher Ebene werden die Wirkungen bilanziert (gesamtgesellschaftlich, bezogen auf eine Stadt oder einen Stadtteil, bezogen auf das einzelne Projekt, bezogen auf ein Individuum im Projekt), wie werden Wechselwirkungen des Projektes mit der Umgebung berücksichtigt (die möglicherweise einen wesentlichen Mehrwert ausmachen). Zum zweiten ist mit der Aufstellung von Bewertungskriterien bereits eine starke normative Setzung verbunden: werden nur „objektive“ Kriterien berücksichtigt (bauliche, rechtliche, prozessuale Kriterien) oder auch „subjektive“ Kriterien (stabilisierende Wirkungen auf einzelne Mitglieder? Impulse in das räumliche und soziale Umfeld?).
Das Promotionsprojekt soll Antworten darauf finden, ob Wohnprojekte zu einer Verbesserung der sozialen Nachhaltigkeit führen, und wie dieser Effekt für die breite Bevölkerung genutzt werden kann.

Stand: Oktober 2009

Schreibe einen Kommentar